Leserfoto: Georg Kalt, Laufenburg
09.07.2022 Laufenburg, PersönlichAbgestorbenen Baumstämmen haucht er neues Leben ein, mit offenen Augen geht er durch die Welt und sein Name steht regelmässig unter dem neusten Leserfoto. Wer ist Georg Kalt?
Ronny Wittenwiler
Das also ist er. Im Moment, als sich die Wohnungstür öffnet, bekommt Georg Kalt, Laufenburg, ein Gesicht. Die NFZ wollte ihn unbedingt einmal treffen: den Mann hinter der Kamera. Daraus geworden ist ein Lehrstück übers Bewusstsein.
Die kleinen Dinge des Lebens
«Das war ein Schock», sagt seine Frau irgendwann während des Gesprächs, und mit einem Mal verschwindet dieses Unbeschwerte. Georg Kalt hatte eben davon erzählt: «Ja, das hing an einem seidenen Faden und es war mehr als fünf nach zwölf.» 2017 erleidet Georg Kalt zuhause einen Aorta-Riss, muss reanimiert werden. Siebzehn Zentimeter lang ist der Stent, den er eingesetzt bekommt, noch grösser sind die Schutzengel. Steht diese Zäsur im Leben von Georg Kalt nicht im Zentrum dieser Geschichte, so erklärt sie trotzdem chirurgisch präzise, was es ihm bedeutet, wenn er mit sichtbarer Freude von den eigenen Kindern erzählt, von den vier Grosskindern, die er zweimal die Woche mit seiner Frau betreut, und wenn er Sätze sagt wie diesen: «Wer immer nur pressiert und geradeausrennt, sieht all die Schönheiten dieser Welt nicht; und sind es auch noch so kleine Dinge.»
Diese kleinen Dinge? Das ist etwa die schwarzgelbe Raupe, die sich auf einem Haselblatt gütlich tut. Oder dieser abgestorbene Wurzelstock, völlig vermoost, der bei genauem Hinschauen zwei Augen bekommt und nicht nur einfach Wurzelstock ist – sondern plötzlich Tintenfisch mit beachtlichen Tentakeln.
Mit wachem Geist und scharfem Blick zieht Georg Kalt jeweils von zuhause los, hält auf stundenlangen Streifzügen mit einer Kompaktkamera all die Dinge fest; einmal verewigt, lässt er sie eine eigene Version der Geschichte erzählen und die Menschen daran teilhaben. «Leserfoto: Georg Kalt, Laufenburg» – so kennen ihn die allermeisten NFZ-Abonnentinnen und Abonnenten. Was sie nicht wissen: Kalt hat im letzten Jahr 5,45 Millionen Schritte gemacht. Er winkt ab, lächelt, so, dass die Augen kleiner werden: «Ich mach\' das ja nicht deswegen.» Der Schrittzähler auf seinem Mobiltelefon hat aber auch gezeigt, dass Kalt im vergangenen Jahr so viel durch die Natur streifte, wie nie zuvor. Da ist sie wieder, diese Zäsur von 2017: «Ich glaube, dass ich seither das Leben wirklich noch viel bewusster lebe.»
Auch das ist Georg Kalt
Das Auge fürs Detail aber, das hatte der gebürtige Sulzer schon immer. Als junger Mann lernte er Buchdrucker, mit Stationen im Fricktal, in Basel, Arbon, Zurzach, Aarau und Oberentfelden erlebte er auch den Offset- und später den Digitaldruck. Er bildete Lehrlinge aus und war während zwanzig Jahren als Prüfungsexperte tätig. «Ich glaube, dieses genaue Hinschauen hat viel mit meinem Beruf zu tun. Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen und wissen, weshalb sie funktionieren.» Apropos genau Hinschauen: «Er hat mich zum Tanz gebeten, damals», sagt seine Frau Sonja und lacht jetzt wieder herzhaft. Im Juni 1979 folgte die Heirat. Der Rest ist nicht Geschichte, sondern genau Jetzt: zwei eigene Kinder, vier Grosskinder und so viele weitere Dinge, die ihn mit seiner Frau verbinden. Und am Ende dieser Geschichte wird man noch einmal Zeuge davon, wie sehr es im Leben von Georg Kalt um den Moment geht; doch vorher steht seine Frau auf, geht ins Nebenzimmer und gibt beiläufig zu Protokoll: «Mi-lli-o-nen!» – «Nei! Sicher nid Millionen!» Es geht um die Frage, wie viele Fotos Georg Kalt in seinem Leben schon geschossen hat. Doch auch hier verhält es sich genauso wie mit den millionenfach gegangenen Schritten im letzten Jahr: entscheidend ist nicht die Quantität. «Wenn sich auf meinen Touren kein Foto ergibt, dann ist das doch egal. Da mache ich mir keinen Druck.» Stattdessen kann es dann aber schon mal vorkommen, dass er mit seiner Frau den Schinberg hochwandert, einen Cervelat überm Feuer brätelt, ein Buch liest und dann aus einem Tag einen richtig guten Tag macht.
Jetzt!
Als Sonja Kalt vom Nebenzimmer zurückkehrt, hält sie ein Fotobuch in der Hand. Es sind Momentaufnahmen einer Bolivien-Reise. Die beiden haben viel von der Welt gesehen. Wichtig sei – sagt jetzt Georg Kalt, der sich lange Zeit auch im Vorstand von Vereinen und in der Kirchenpf lege engagiert hat – wichtig sei doch, all das, all diese Momente nicht bloss auf einer Kamera festzuhalten. Seine Augen leuchten, als er erzählt, was nach 2017 und diesem einschneidenden Moment passiert ist. «Meine Frau und ich, wir sind am frühen Morgen losgezogen. Von der Bergstation mussten wir eine Stunde hochsteigen zum Gipfelgrat. Wir haben gewartet. Und dann ist über dem Titlis die Sonne aufgegangen. Dass ich sowas noch erleben durfte, hat mich dermassen hergenommen. Ich hatte Tränen.»
Gewisse Momente bleiben ein Leben lang. Doch das Gespräch mit dem Mann hinter der Kamera endet hier. Vorbei an der Wand mit den vielen Fotos aller Enkelkinder geht es durch die Eingangstür ins Treppenhaus. Georg und Sonja Kalt winken zum Abschied. Die Tür fällt ins Schloss. Daneben an der Wand hängt ein Willkommensschild: Die Zeit für das Glück ist heute. Nicht morgen!